Alte Amalgamfüllungen – behalten oder entfernen?

Dentalamalgam gehört zu den traditionsreichsten Materialien der Zahnmedizin. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wurde es über fast 200 Jahre hinweg millionenfach als Füllungsmaterial eingesetzt. Es war preiswert, belastbar, relativ unempfindlich gegenüber Feuchtigkeit und ließ sich auch bei größeren Defekten direkt verarbeiten.

Gleichzeitig besteht Dentalamalgam ungefähr zur Hälfte aus elementarem Quecksilber – und genau dieser Bestandteil führte schon früh zu Diskussionen über mögliche Gesundheits- und Umweltbelastungen.

Die Geschichte ist älter als gedacht

Quecksilberhaltige Mischungen zur Behandlung von Zähnen sind wesentlich älter als das moderne Dentalamalgam. Historische Quellen berichten bereits aus dem 7. Jahrhundert in China von Metallmischungen zur Zahnbehandlung. Auch aus Deutschland sind entsprechende Rezepturen aus dem 16. Jahrhundert bekannt.

Das moderne Dentalamalgam entstand jedoch erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Um 1818 experimentierte der französische Zahnarzt Louis Nicolas Regnart mit quecksilberhaltigen Metallmischungen. Wenige Jahre später entwickelte Auguste Taveau eine sogenannte „Silberpaste“, bei der Silber mit Quecksilber vermischt wurde. 1826 beschrieb er dieses Verfahren ausführlicher.

1833 brachten Edward Crawcour und sein Neffe Moses die in Frankreich entwickelte Silber-Quecksilber-Mischung in die USA. Sie erkannten das Potenzial des preiswerten, leicht formbaren Materials und vermarkteten es dort als „Royal Mineral Succedaneum“. Dort löste die rasche Verbreitung eine heftige Auseinandersetzung innerhalb der Zahnärzteschaft aus – den sogenannten ersten Amalgamkrieg.

Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts wurden Zusammensetzung und Verarbeitung immer weiter verbessert. Standardisierte Metallpulver, Kapselsysteme und kupferreichere Legierungen machten Amalgam schließlich zu einem der am häufigsten verwendeten Füllungsmaterialien der Welt.

Warum war Amalgam so erfolgreich?

Dentalamalgam ist eine Legierung. Flüssiges Quecksilber wird dabei mit einem Pulver aus vor allem Silber, Zinn und Kupfer vermischt.

Unmittelbar nach dem Mischen ist die Masse formbar. Sie kann direkt in den vorbereiteten Zahn eingebracht und modelliert werden und härtet anschließend aus.

Gerade diese Kombination aus einfacher Verarbeitung, hoher Druckfestigkeit, langer Haltbarkeit und vergleichsweise niedrigen Kosten machte Amalgam über Generationen zum Standardmaterial für Seitenzähne.

Gibt eine Amalgamfüllung Quecksilber ab?

Ja. Auch aus ausgehärteten Füllungen können geringe Mengen Quecksilberdampf freigesetzt werden.

Die Abgabe kann unter anderem durch

  • Kauen,
  • Zähneknirschen,
  • Polieren und insbesondere
  • Bohren

vorübergehend ansteigen.

Menschen mit mehreren Amalgamfüllungen weisen deshalb durchschnittlich etwas höhere Konzentrationen von anorganischem Quecksilber in Blut oder Urin auf.

Der kritischste Moment: die Entfernung

Besonders relevant ist die Exposition beim Herausbohren einer alten Amalgamfüllung. Dabei können gleichzeitig größere Amalgamstücke, sehr feine Partikel und Quecksilberdampf entstehen.

Deshalb ist eine möglichst emissionsarme Entfernung sowohl für den Patienten als auch für Zahnarzt und Assistenz wichtig.

Wie sind die Schutzmaßnahmen bei der Entfernung?

Eine sorgfältige Entfernung kombiniert mehrere Maßnahmen:

  • leistungsfähige Absaugung unmittelbar am Zahn
  • reichliche Wasserkühlung
  • möglichst Zerteilen der Füllung in größere Segmente, statt sie vollständig zu feinem Staub auszuschleifen
  • Schutzbrille, Handschuhe und geeignete Schutzkleidung
  • Kofferdam zur Isolation des Zahnes und zum Schutz des Mundraums
  • gute Raumlüftung beziehungsweise zusätzliche technische Absaugung
  • fachgerechte Sammlung und Entsorgung amalgamhaltiger Rückstände

Muss jede alte Amalgamfüllung entfernt werden?

Nein.

Eine intakte und funktionstüchtige Füllung sollte nicht allein aus Sorge vor Quecksilber automatisch herausgebohrt werden. Gerade die Entfernung kann kurzfristig zu einer deutlich erhöhten Exposition führen und kostet zusätzlich Zahnsubstanz.

Ein Austausch kann beispielsweise sinnvoll sein, wenn die Füllung

undicht,
gebrochen,
kariös unterminiert

oder aus anderen zahnmedizinischen Gründen erneuerungsbedürftig ist.

Seit 2025 weitgehend Geschichte

Seit dem 1. Januar 2025 darf Dentalamalgam in der Europäischen Union grundsätzlich nicht mehr für neue Zahnfüllungen verwendet werden.

Eine Ausnahme besteht, wenn der behandelnde Zahnarzt die Verwendung aufgrund besonderer medizinischer Erfordernisse für zwingend notwendig hält.

Vorhandene Amalgamfüllungen müssen deshalb jedoch nicht entfernt werden. Sie können weiter kontrolliert und bei medizinischem Bedarf ausgetauscht werden.

Nach fast 200 Jahren moderner Anwendung endet damit eine bemerkenswerte Epoche der Zahnmedizin.

Literatur

  1. Europäisches Parlament und Rat. Verordnung (EU) 2024/1849 vom 13. Juni 2024 zur Änderung der Verordnung (EU) 2017/852 über Quecksilber hinsichtlich Dentalamalgam und anderer quecksilberhaltiger Produkte.
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