Chelat-Therapie: Metalle in die Zange genommen
Von der Behandlung der Bleivergiftung bis zu aktuellen Fragen der Umwelt- und Gefäßmedizin
Am Wochenende des 12. und 13. September 2026 habe ich in Roßdorf bei Darmstadt ein zweitägiges Kompaktseminar der Deutschen Akademie für Chelat-Therapie (DACT) besucht. Die Fortbildung mit Manuel Schaaf und Dr. rer. nat. Sabine Knochenhauer verband Chemie, Metallanalytik, Gefäßmedizin und die praktische Durchführung von Chelat-Infusionen. Nach bestandener Abschlussprüfung halte ich nun auch das Zertifikat dieser Fortbildung in den Händen – ein schöner Anlass, das Thema wissenschaftlich einzuordnen. Informationen zur Akademie finden sich auf der DACT-Website.
Was bedeutet „Chelat“?
Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort „chele“ für Klaue oder Krebsschere ab. Das Bild passt erstaunlich gut: ein Chelator besitzt mehrere Bindungsstellen, mit denen er ein Metallion räumlich umschließt. Es entsteht ein Chelatkomplex, dessen Löslichkeit, Verteilung und Ausscheidung sich von denen des ungebundenen Metalls unterscheiden.
Der bekannteste Vertreter ist EDTA, die Ethylendiamintetraessigsäure. Sie wurde in den 1930er-Jahren von Ferdinand Münz entwickelt und zunächst technisch genutzt, um störende Metallionen zu binden. Später wurde ihr medizinisches Potenzial erkannt. Je nach Gegenion und Indikation werden unterschiedliche EDTA-Salze verwendet; sie sind pharmakologisch nicht einfach austauschbar.
Von der Bleivergiftung zur Arteriosklerose
In den 1940er- und 1950er-Jahren wurde Calcium-Dinatrium-EDTA vor allem zur Behandlung ausgeprägter Bleivergiftungen eingesetzt. Beschäftigte in Batterie-, Metall-, Farb- und Automobilbetrieben waren damals besonders gefährdet. Bei einer gesicherten Schwermetallvergiftung gehört die Chelattherapie bis heute zur klinischen Toxikologie; Auswahl und Dosierung des Chelators richten sich nach Metall, Expositionsform und Organfunktion.
Als Wegbereiter der EDTA-Anwendung bei Gefäßerkrankungen gilt der US-amerikanische Kardiologe Norman E. Clarke Sr. Er berichtete, dass sich bei einigen wegen Bleibelastung behandelten Patienten zugleich Angina-pectoris-Beschwerden besserten. 1956 veröffentlichten Clarke, Clarke und Mosher einen frühen klinischen Bericht über die Therapie von Angina pectoris mit Dinatrium-EDTA [1].
Arteriosklerose ist ein chronischer Umbauprozess der Gefäßwand, an dem Endothelschäden, oxidierte Lipide, Entzündungszellen, Blutplättchen, Diabetes, Bluthochdruck, Rauchen und weitere Faktoren beteiligt sind. Umweltmetalle können diesen Prozess verstärken. Die American Heart Association bewertet insbesondere Blei, Cadmium und Arsen als relevante kardiovaskuläre Umweltrisikofaktoren [2]. Als Mechanismen werden oxidativer Stress, Entzündung, Störungen der Gefäßinnenwand und Veränderungen der Blutdruckregulation diskutiert.

TACT und TACT2: Warum beide Studien wichtig sind
Die vom US-amerikanischen National Institutes of Health finanzierte TACT-Studie untersuchte 1.708 Menschen nach Herzinfarkt. Unter einem EDTA-basierten Infusionsschema war der kombinierte kardiovaskuläre Endpunkt moderat reduziert; besonders deutlich erschien der Effekt jedoch in der vorab definierten Diabetes-Untergruppe [3] [4].
TACT2 sollte diesen Befund gezielt bei Patienten mit Diabetes und früherem Herzinfarkt überprüfen. Zwar sank der mediane Bleiwert im Blut nach 40 Infusionen um 61 Prozent, kardiovaskuläre Ereignisse wurden gegenüber Placebo jedoch nicht signifikant vermindert [5].
Wie Schwermetalle Krankheitsprozesse begünstigen können
Schwermetalle verursachen nicht unmittelbar Arteriosklerose, Alzheimer-Demenz oder eine bestimmte Gruppe unspezifischer Beschwerden. Der Zusammenhang ist indirekter und biologisch komplexer: Eine relevante chronische Metallbelastung kann die Bildung reaktiver Sauerstoffverbindungen fördern, antioxidative Schutzsysteme schwächen, Mitochondrien belasten und Immunzellen aktivieren. Dadurch kann eine chronische niedriggradige systemische Entzündung entstehen oder verstärkt werden.
Eine solche Entzündung kann als Verstärker für die Entstehung von Erkrankungen wirken: an der Gefäßinnenwand, im Stoffwechsel, im Nervensystem und in bereits vorgeschädigten Geweben. Ob daraus tatsächlich Beschwerden entstehen, hängt zusätzlich von Dosis und Dauer der Exposition, genetischer Empfindlichkeit, Alter, Nierenfunktion, Ernährung, Rauchen und bestehenden Erkrankungen ab. In diesem Sinne sind Metalle mögliche Mitverursacher oder Beschleuniger für Erkrankungen.
Welche Erkrankungen werden mit Metallbelastungen in Verbindung gebracht?
In den Unterlagen der DACT-Fortbildung wurde ein breites Spektrum von Erkrankungen und Beschwerden genannt, bei denen Metallbelastungen als möglicher zusätzlicher Einflussfaktor diskutiert werden [12]. Der gemeinsame Nenner ist nicht eine einzige „Schwermetallkrankheit“, sondern die mögliche Verstärkung bereits laufender Krankheitsprozesse: über oxidativen Stress, mitochondriale Dysfunktion, Veränderungen der Immunantwort und eine chronische systemische Entzündung. Für die medizinische Bewertung bleiben deshalb Expositionsanamnese, metall- und matrixgerechte Labordiagnostik sowie die übrigen Risikofaktoren entscheidend.
- Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen
- Alzheimer-Demenz und Parkinson
- Neurologische Beschwerden
- Polyneuropathien u.a. durch metallhaltige Chemotherapeutika wie Carboplatin
- ADHS sowie Lern- und Aufmerksamkeitsstörungen
- Rheumatische und Autoimmun-Erkrankungen
- Multiple Sklerose
- Allergien
- Chronische Müdigkeit
- Burn-out-ähnliche Beschwerden
- Nieren-, Blutbildungs- und Stoffwechselstörungen
- Krebsentstehung durch bestimmte krebserzeugende Metallverbindungen
Woher können Metallbelastungen kommen?
Eine sorgfältige Expositionsanamnese ist wichtig. Ein Kontakt bedeutet noch keine Vergiftung; Art, Dosis, Dauer, Aufnahmeweg und individuelle Ausscheidung entscheiden über die Bedeutung.
- Meeresfisch: Große langlebige Raubfische können Methylquecksilber anreichern. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt eine bewusste Auswahl der Fischarten, ohne Fisch pauschal zu meiden.
- Tabakrauch: Tabakpflanzen nehmen unter anderem Cadmium und Blei aus Boden und Düngemitteln auf. Cadmium besitzt eine lange biologische Halbwertszeit und ist ein zusätzlicher Grund, Tabakexposition konsequent zu beenden.
- Verkehr und Industrie: Brems-, Reifen- und Straßenabrieb sowie Verbrennungsprozesse setzen metallhaltige Partikel frei, darunter Eisen, Kupfer, Antimon, Zink und Barium.
- MRT-Kontrastmittel: Gadolinium wird als Chelatkomplex verabreicht. Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat lineare Präparate wegen stärkerer Ablagerung eingeschränkt; stabilere makrozyklische Verbindungen werden bevorzugt.
- Zahnmaterialien: Vorhandene Amalgamfüllungen können die Konzentration an anorganischem Quecksilber in Blut oder Urin erhöhen. Dieses Thema werde ich in einem weiteren Beitrag behandeln.

Krieg, Munition und Schwermetallbelastung
Kriegshandlungen können Böden und Gewässer durch Explosionsrückstände, zerstörte Fahrzeuge, Brände und Munitionsbestandteile belasten. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen warnte bereits 2022 vor einer möglichen toxischen Hinterlassenschaft des Ukraine-Krieges [6]. Eine 2025 veröffentlichte Bodenuntersuchung an Explosionsstellen im Norden der Ukraine beschrieb lokal erhöhte Konzentrationen unter anderem von Arsen, Barium, Kupfer, Eisen, Blei und Zink [7]. Bei panzerbrechender Munition mit abgereichertem Uran können am Einschlagsort feine uranhaltige Partikel entstehen, die möglicherweise mit dem Wind weite Strecken transportiert werden. Die USA bestätigten 2023 die Lieferung entsprechender 120-mm-Panzermunition an die Ukraine [8]. Ein messbarer allgemeiner Anstieg der Schwermetallbelastung in Deutschland nach der Verwendung panzerbrechende Munition in der Urkraine ist denkbar, lässt sich aber bislang nicht direkt belegen.

Schwermetalle und Alzheimer-Demenz
Metalle können experimentell oxidativen Stress, Neuroinflammation und mitochondriale Schäden fördern. Eine Metaanalyse fand bei Menschen mit Alzheimer-Erkrankung im Mittel höhere zirkulierende Konzentrationen von Aluminium, Quecksilber und Cadmium, allerdings mit großer Streuung zwischen den Studien [9]. Eine umfassende Übersichtsarbeit bewertet die experimentelle Neurotoxizität als plausibel, die epidemiologische Evidenz für eine direkte Verursachung der Alzheimer-Demenz beim Menschen aber als begrenzt [10]. Metalle sind daher eher als mögliche zusätzliche Belastungs- oder Beschleunigungsfaktoren zu verstehen, nicht als alleinige Ursache.
EDTA, Alpha-Liponsäure und die Blut-Hirn-Schranke
EDTA ist hydrophil, verteilt sich überwiegend im Extrazellularraum und erreicht das zentrale Nervensystem nur begrenzt. Alpha-Liponsäure ist amphiphiler, kann die Blut-Hirn-Schranke passieren und besitzt neben ihrer antioxidativen Wirkung metallbindende Eigenschaften [11]. Daraus wird in manchen Chelat-Konzepten ein sequenzielles Vorgehen abgeleitet: zunächst die periphere Metalllast mit dem starken Chelator EDTA reduzieren, anschließend gegebenenfalls Alpha-Liponsäure einsetzen um die Metalllast im Gehirn zu mindern.
Welche Chelatoren werden verwendet?
Chelatoren unterscheiden sich deutlich in Bindungsspektrum, Verteilung und Anwendung:
- Calcium-Dinatrium-EDTA wird insbesondere bei relevanter Bleivergiftung eingesetzt. Das bereits gebundene Calcium vermindert das Risiko einer gefährlichen Hypokalzämie.
- Dinatrium- beziehungsweise Magnesium-Dinatrium-EDTA wird in bestimmten Infusionsprotokollen verwendet und muss wegen möglicher Einflüsse auf Calcium- und Mineralstoffhaushalt besonders langsam und kontrolliert gegeben werden.
- DMSA (Succimer) ist ein oral verfügbarer Chelator, der vor allem bei bestimmten Belastungen mit Blei, Quecksilber oder Arsen eingesetzt wird. DMSA ist seit 2017 verschreibungspflichtig.
- Alpha-Liponsäure ist primär ein antioxidativ wirksamer Cofaktor mit zusätzlichen metallbindenden Eigenschaften, aber kein gleichwertiger Ersatz für EDTA oder DMSA.
Wie läuft eine Chelat-Therapie ab?
Vor Beginn werden Exposition, Beschwerden, Medikamente und Vorerkrankungen erfasst. Besonders wichtig sind Nierenfunktion, Urinstatus, Blutbild, Leberwerte, Elektrolyte und Mineralstoffe; je nach Fragestellung kommen eine gezielte Metallanalytik und kardiologische Untersuchungen hinzu. Eine Provokationsanalyse zur Freisetzung von Metallen aus den Geweben in den Urin kann durchgeführt werden.
EDTA wird langsam, über 3 Stunden intravenös infundiert. Währenddessen werden Befinden, Blutdruck und Infusionsgeschwindigkeit kontrolliert. Da Chelatoren nicht ausschließlich unerwünschte Metalle binden, können auch Zink, Magnesium oder andere essenzielle Spurenelemente vermehrt ausgeschieden werden. Laborbasierte Kontrollen und eine individuell abgestimmte Mikronährstoffversorgung gehören deshalb zum Konzept.
Mein Fazit nach der Fortbildung
Die Chelat-Therapie ist weit mehr als „Entgiftung“: Sie verbindet Koordinationschemie, Toxikologie, Nierenphysiologie, Umweltmedizin und Gefäßbiologie. Bei klar definierten Schwermetallvergiftungen ist sie etabliert. Bei chronischen Umweltbelastungen, Arteriosklerose und neurodegenerativen Erkrankungen sind mögliche Anwendungen differenzierter zu bewerten – mit interessanten Mechanismen, aber auch offenen Fragen und widersprüchlichen klinischen Daten.
Entscheidend sind daher eine nachvollziehbare Exposition, geeignete Diagnostik, die Auswahl des passenden Chelators, eine intakte Ausscheidungsfunktion und eine individuell abgestimmte Behandlung. Genau diese wissenschaftliche und praktische Differenzierung war für mich der wertvollste Teil des DACT-Wochenendes in Roßdorf.
Chelat-Therapie ab sofort in meiner Praxis
Die Chelat-Therapie biete ich ab sofort in meiner Bio Logisch! Naturheilpraxis in Olpe an. Grundlage sind eine individuelle Anamnese, passende Labordiagnostik und ein auf die jeweilige Belastung abgestimmtes Behandlungskonzept. Weitere Informationen und Möglichkeiten zur Terminvereinbarung finden Sie auf der Website der Bio Logisch! Naturheilpraxis.
Literatur und weiterführende Quellen
1. Clarke CN, Clarke NE, Mosher RE. Am J Med Sci. 1956;232:654-666. Treatment of angina pectoris with disodium ethylene diamine tetraacetic acid. doi:10.1097/00000441-195612000-00006.
2. Lamas GA, Bhatnagar A, Jones MR, et al. J Am Heart Assoc. 2023;12:e029852. Contaminant Metals as Cardiovascular Risk Factors: A Scientific Statement From the American Heart Association. doi:10.1161/JAHA.123.029852.
3. Lamas GA, Goertz C, Boineau R, et al. JAMA. 2013;309:1241-1250. Effect of disodium EDTA chelation regimen on cardiovascular events in patients with previous myocardial infarction: the TACT randomized trial. doi:10.1001/jama.2013.2107.
4. Escolar E, Lamas GA, Mark DB, et al. Circ Cardiovasc Qual Outcomes. 2014;7:15-24. The effect of an EDTA-based chelation regimen on patients with diabetes mellitus and prior myocardial infarction in TACT. doi:10.1161/CIRCOUTCOMES.113.000663.
5. Lamas GA, Anstrom KJ, Navas-Acien A, et al. JAMA. 2024;332:794-803. Edetate Disodium-Based Chelation for Patients With a Previous Myocardial Infarction and Diabetes: TACT2 Randomized Clinical Trial. doi:10.1001/jama.2024.11463.
6. United Nations Environment Programme. 2022. The Environmental Impact of the Conflict in Ukraine: A Preliminary Review.
7. Science of the Total Environment. 2025;977:179342. Magnetic and chemical signals of post-blast residue in soil: A case study from northern Ukraine.
8. U.S. Department of Defense. 6 September 2023. Biden Administration Announces Additional Security Assistance for Ukraine.
9. Xu L, Zhang W, Liu X, et al. J Alzheimers Dis. 2018;62:361-372. Circulatory Levels of Toxic Metals in Patients with Alzheimer’s Disease: A Quantitative Meta-Analysis and Systematic Review. doi:10.3233/JAD-170811.
10. Bakulski KM, et al. J Alzheimers Dis. 2020. Heavy Metals Exposure and Alzheimer’s Disease and Related Dementias.
11. Rochette L, Ghibu S, Muresan A, Vergely C. Antioxidants. 2024. Alpha-Lipoic Acid: Biological Mechanisms and Health Benefits.







